Skyline 2018-03-26

Erlebnisse aus Brasilien von Hauke

„Spedition geht auch anders“ dachte ich mir, mit einem fetten Grinsen im Gesicht, als ich zum ersten Mal „geschäftlich“ nach Sao Paulo reisen durfte. Im Hinterkopf Berichte und Bilder von der Copacabana, Zuckerhut, kilometerlangen weißen Sandstränden, Caipirinha und vieles mehr. Dann die Ernüchterung bei Ankunft am Flughafen Guarulhos: Klein, veraltet, dreckig, unerträglich schwül und „duftend“. Okay – also bist du doch nur zum Arbeiten hier, Spedition eben.

 

Der erste Eindruck des Landes, welches für viele als das Paradies auf Erden schlechthin beschrieben wird, besserte sich auch in den darauffolgenden Tagen nicht wirklich. Sao Paulo ist ein Moloch. Schmutzig, überfüllt, gefährlich. Als Gast, mit offensichtlich „nicht brasilianischen“ Genen und noch weniger portugiesischen Sprachkenntnissen müssen Regeln beachtet werden, die einen am Leben erhalten.

  1. Niemals allein auf Erkundung gehen.
  2. Die Begleitung sollte sich auskennen.
    Plätze die einem sicher erscheinen, sind es oft nicht und umgekehrt.
  3. Das Auto ist kein sicherer Platz – auch nicht wenn es sich bewegt.
  4. Geldautomaten sind eine potentielle Gefahrenquelle, darum sind sie wohl
    nachts ausgeschaltet.
  5. Taxis sollten nur auf Bestellung genutzt werden, Busse sind zu meiden.
    Die U-Bahn allerdings, gilt als sicher..?
  6. Immer etwas Bargeld bei sich tragen.

Sao Paulo Stadt selber weiß sich gut zu tarnen. Gelegentlich zeigt es sich aber doch von einer anderen Seite und man kann kurz erahnen, dass auch diese Stadt ihre Reize hat. Im Laufe der Jahre mehrten sich die Reisen nach Sao Paulo. Aus Geschäftskontakten wurden Freunde und ab und an ergab sich auch mal die Möglichkeit die Regionen, fernab der 15 -20 Millionen Metropole Sao Paulo, kennen zu lernen.

 

Also rein ins Auto auf den Beifahrersitz – Steuern, reden, rauchen, singen, nach dem Weg fragen und die Weltpolitik erörtern, übernahm Viviane und dass alles gleichzeitig. Wir lassen die Stadt hinter uns und die Stimmung bessert sich. Plötzlich klart der Himmel auf. Es gibt also doch Sonne und blauen Himmel hier. Wir befinden uns auf der Autobahn Richtung Sao Jose dos Campos, wo wir dann rechts runter Richtung Küste wollten, 80 km bis Caraguatatuba (sprechen Sie das Wort dreimal schnell hintereinander weg).

 

Ne Stunde bis zum Meer denk ich mir noch, bevor es mir den Atem verschlägt. Ich bin im Urwald! Die zweispurige Landstraße ist plötzlich nur noch ein Weg. Hier bei uns in Deutschland wäre das eine bessere Hofeinfahrt. Es geht rauf, runter und rechts, links, vor und hinter uns Millionen verschiedene Bäume, Pflanzen, Grüntöne, Schattierungen. Noch nie habe ich so viel unterschiedliches Grün gesehen. Bäche, Wasserfälle, Vögel – das ist das Paradies!! Ein Roadtruck (40 Jahre alt, Dieselschwarz, klappernd, ca. 40 – 60 Tonnen schwer) kommt uns entgegen und reißt mich in die Realität zurück. Angstschweiß und Überlebensängste überkommen mich. Viviane brüllt den Fahrer an, dreht das Radio lauter, zieht nochmal an der Zigarette, flucht, gestikuliert, setzt 150 Meter bis zur nächsten Einbuchtung zurück, gibt dem LKW Fahrer noch ein paar wohlgemeinte Lebensratschläge mit auf den Weg, dreht sich zu mir, grinst und fährt weiter als ob nichts gewesen wäre. 15 Minuten später sehe ich von hier den Südatlantik. Atemberaubend! Sao Paulo Stadt liegt Lichtjahre entfernt.

 

Angekommen – hier ist es. Das, was ich mir einige Jahre zuvor aus dem Kopf geschlagen habe war plötzlich zur Realität geworden. Wir kämpfen uns durch die dreimal schnell gesprochene Stadt und nehmen die Küstenstraße nördlich Richtung Rio de Janeiro in Angriff. Unser Ziel ist ein kleines Dorf am Meer bei Ubatuba. Der Weg dorthin ist einfach nur eine Anreihung von Postkartenbildern bzw. preisgekrönten Fotos aus dem GEO Magazin. Eine Bucht schöner als die Nächste. Kleine und größere Inseln. Teilweise bewohnt, teilweise nicht und unter strengstem Naturschutz. Das passt alles nicht zu dem Bild von Sao Paulo Stadt. In dem Dorf angekommen, biegt Viviane gut gelaunt nach rechts ab und wir folgen einem Holperpfad Richtung Meer und Strand. Sie hält an einem kleinen Gebäude und ich frage Sie, ob wir hier „sicher“ sind. Sie lächelt und sagt nur: Willkommen in dem anderen Brasilien – hier passiert dir im Umkreis von 50 km nichts. Hier erschlägt dich höchstens die Natur oder die Emotion. Recht hat sie …

« Zurück zur Übersicht